Lissabon, Moskau, Tokio und das Ende der Welt

Die amerikanische Gesellschaft ist verblüfft, warum um alles in der Welt schweigt der einflussreiche und konservative Fernsehprediger Pat Robertson und wettert nicht in gewohnter Art und Weise gegen die bösen Japaner die durch die jüngsten Ereignissen in ihrem Inselstaat für ihre Sünden von Gott bestraft worden sind?

Es ist wirklich verblüffend, das der protestantische Fernsehprediger der wegen seiner berühmt berüchtigter Kommentare zu der Tragödie des 11 Septembers, zum Hurrikan Katrina, dem Erdbeben auf Haiti – all das ist, seiner Meinung nach, Gottes Bestrafung für die Abtreibungen, Homosexualität und das Bündnis mit dem Leibhaftigen – dieses Mal noch kein Wort verloren hat.

Dafür haben sich Gesinnungsgenossen in Russland gefunden. Ein Priester der Russischorthodoxen Kirche aus St. Petersburg A. Schujskij hatte eine „Eingebung“, wofür Gott die Japaner bestraft haben soll. Demnach ist es die führende Rolle die dieses Land in der gottwidrigen Politik der Globalisierung in der Welt spielt und, dass dieses „superelektronische Land“ beauftragt wurde einen Antichrist Chip zu entwickeln, den man, so der Priester, nach dem Einführen einer universellen Karte allen Bürgern implantieren wird. Praktisch seien sich alle Bürger Russlands, ohne sich verabredet zu haben, darin einig, dass dieses schreckliche Naturereignis in Japan eine Vergeltung sei für die Beleidigung des Russischen Vaterlandes. Denn nachdem Präsident Medwedew die Kurilen Inseln besuchte, hätten die Japaner wie tollwütig Bilder von ihm zertrampelt und die russische Fahne verbrannt. Nun haben sie erhalten, was sie verdienen.

Quelle: http://www.evangelie.ru/forum/t84809.html

Dieser Ansicht des Priesters pflichtet die stellvertretende Chefredakteurin des Magazins „Iswestija“, T. Jampolskaja bei. „Die Tränen der Anteilnahme für die Betroffenen können unsere Augen und umso weniger unser Verstand so trüben, dass wir daran gehindert sein könnten offensichtliche Sachen zu bemerken. Gott bewahrt Russland vor Beleidigungen von außen… Russland zu demütigen, das rächt sich schnell.“ So die Warnung der Frau.

Quelle: http://tiropolk.livejournal.com/56802.html/

„Jedes Jahrhundert hat sein eigenes Mittelalter” sagte mal Stanisław Jerzy Lec. So scheinen einige, die sich für gerecht halten, mit Enthusiasmus, der andererseits einer besseren Anwendung würdig wäre, in sein Mittelalter einzutauchen.

Die Menschheit suchte seit je her den Zorn der Natur zu durchdenken und zu deuten. Daran zu zweifeln, dass es eine Strafe sei, die von Oben herabkommt, kam niemandem in den Kopf. Die Menschen bemühten sich nur darum ihre Schuld zu verstehen. Doch als 1755, im Jahrhundert der Aufklärung das ungeheure Erdbeben von Lissabon, das nach der Meinung der modernen Wissenschaft die gleiche Stärke wie in Japan gehabt hat, sich ereignete, protestierten die Menschen zum ersten Mal gegen die Versuche alles in Verbindung mit einem höheren, gerechten Gericht zu bringen. Das Unglück ist zum Gegenstand philosophischer Diskussionen geworden. Ein Berühmter Jesuitenprediger Gabriel Malagrida veröffentlichte sein „Urteil über den wahren Grund des Erdbebens“, in dem er behauptete, dass das eine Strafe Gottes für das Theater, die Musik, das Tanzen, die unanständigen Komödien und die Stierkämpfe in Portugal sei.

Aber warum haben in diesem Fall die himmlischen Kräfte fast alle Kirchen der Stadt zerstört, die Straße des Rotlichtviertels aber nicht? Das ließ die Menschen nicht in Ruhe.

Quelle: http://wayter.wordpress.com/2011/01/04/lissabon /

Der Dichter Francisco di Pina antwortete auf solches Fragen spitzfindig, weil das Rotlichtviertel unmöglich zu entweihen sei, und weil der Herr Mitleid mit verirrten Seelen habe.

Diesem antwortete Voltaire in seinem „Poeme zur Zerstörung Lissabons“, indem er daran Zweifel geäußert hat, dass diese furchtbare Tragödie zum Wohl des Volkes sei und, dass sie von Gott kam.

Russland blieb dieser Diskussion seinerzeit auch nicht fern. Der Hofprediger der Kaiserin Jelisaweta, Gedeon Krinowskij, der für seine Redekunst bekannt war, hat sich zur portugiesischen Katastrophe mit „Ein Wort zu dem schrecklich Beben in Europa und Afrika“ geäußert. Er zählte die Nachrichten von den Zerstörungen und den vielen Opfern unter der Bevölkerung auf und wand sich mit Ironie an die Gelehrten: „Wollet ihr nicht dies alles der Natur zuschreiben?“ Seiner Ansicht nach, war das Erdbeben ein deutliches Vorzeichen der baldigen Ankunft Jesu auf Erden.

Jedoch mögen die, die von der Tragödie nicht betroffen waren, sich nicht irren und sich nicht zu den Gerechten zählen. „Möge keiner auf den Gedanken kommen, dies alles hörend, dass die Menschen die ums Leben gekommen sind, oder einen Schaden durch diese schreckliche Ereignisse davon trugen nur allein sündig seien. Wir aber gerecht, weil verschont vom Bösen?“

Quelle: http://a-grabenich.livejournal.com/10854.html

So haben der Priester aus St. Petersburg und die oben erwähnte Journalistin nichts Neues gesagt. Wir wissen schon, dass die Hunderte die in Perm in einem Lokal, während einer Feier in einem Brand ums Leben gekommen sind, der Meinung einiger Pastoren nach, von Gott für ihre Zügellosigkeit bestraft worden sind.

Dass die Haitianer, so Patriarch der Russischorthodoxen Kirche Kirill, für „den Verlust der moralischen Normen“ das Unglück ertragen mussten.

Dass die vorjährigen Brände in Russland und in anderen teilen der Welt, seiner Meinung nach, – wiederum eine Strafe für die Sünden waren. Für welche aber konkret? Auf diese Frage müssen die Opfer selbst eine Antwort suchen.

Eines haben diese Entlarver wohl jedoch vergessen, dass es im Christentum weder eine kollektive Schuld, noch eine kollektive Tugend gibt, jedoch aber eine Persönliche Verantwortung.

An dieser Stelle scheint es angebracht zu sein alle diejenigen, die so denken und urteilen, an die Prinzipien des Neuen Testamentes zu erinnern: Erstens, dass es bei dem Gott der Bibel weder Griechen noch Juden gibt, er also keinerlei Unterschied der Herkunft kennt; und zweites, dass es in der Bibel, auf die sie sich alle berufen, zwar um das Ende der Welt geht, jedoch um das Ende der Welt des Hasses und der Verurteilung. Und gleichzeitig geht es um einen neuen Anfang, ohne das Recht eines falsch verstandenen Stolzes, der einen als besser darstellt und schon gar nicht mit dem Recht des von oben Herabschauens auf andere.

Pastor der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Bochum Otto O. R. Wendel

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>